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Stadtumwallung Start des Festungsrundganges

Geschichte der Stadtumwallung

Schon bald nach der Stadterhebung erhielt Ingolstadt im 13. Jahrhundert seine erste Befestigung. Ein erster wichtiger Schritt im Hinblick auf die landesweite Bedeutung war, dass der ursprünglich zwei Kilometer südlich befindliche Hauptarm der Donau ganz nahe an der Stadt vorbei geleitet wurde. Diese technische Meisterleistung des 14. Jahrhunderts verschaffte dem Herzog von Bayern eine umfassende Kontrolle, seinen Zöllnern konnte jetzt kein Schiffer oder Flößer entgehen. Negativ war, dass nunmehr der südliche Teil der Stadt von den Donauhochwassern bedroht war, doch war es fortan unmöglich, dass sie von Süden her über den Fluss angegriffen wurde.
Von allen bayerischen Verwaltungszentren hatte Ingolstadt mit seinen Straßen zu den wichtigsten Handelsstädten Augsburg, Nürnberg, Ulm und Regensburg die beste Verkehrslage. So kann es nicht überraschen, dass die bedeutende Stadtbefestigung des 14. Jahrhunderts bereits vom Landesherrn mitfinanziert wurde und damit bis zu einem gewissen Grad schon eine Landesbefestigung
war. Die Erfindung der Feuerwaffen und insbesondere die Entwicklung der Artillerie machten die hoch aufragenden mittelalterlichen Stadtmauern, die ein hervorragendes Ziel boten, nahezu wehrlos. Wer sich gegen Artillerie schützen wollte, brauchte viel Geld und für nicht wenige deutsche Städte, die sich einen umfassenden Schutz und mehr leisten konnten, begann damit der Abstieg.
Ingolstadt blieb dieses Schicksal erspart, denn Herzog Wilhelm IV. (1493 – 1550) machte die Stadt zur Landesfestung. 1537 begannen erste Arbeiten und 1539 bewilligten die Landstände das notwendige Geld. Verantwortlich für den Neubau war ab 1538, Reinhard Graf Solms, Herr zu Münzenberg (1491 – 1562), gleichermaßen erfahrener Soldat und Baumeister. Er schied um 1545 aus bayerischen Diensten aus, war aber offenbar bis kurz vor seinem Tod immer noch beratend für Ingolstadt tätig. Die wichtigsten Arbeiten waren aber um 1569 vollendet: Jetzt schützte ein starker Wall, acht Bastionen konnten Wall und Hauptgraben unter ein flankierendes Feuer nehmen.
Der Dreißigjährige Krieg brachte die größte Bewährungsprobe, als sich die bei Rain am Lech 1632 geschlagene bayerische Armee auf Ingolstadt zurückzog. Vielfach wird fälschlicherweise von einer Belagerung der Festung gesprochen, aber dies wäre nur der Fall gewesen, wenn der Gegner die Stadt völlig eingeschlossen hätte. Tatsächlich befand sich die Armee des schwedischen Königs Gustav Adolf ausschließlich auf der Südseite der Donau und der König wollte auch nur den Brückenkopf einnehmen. Dieser bestand aus einem sogenannten Hornwerk, welches erst im Jahr zuvor errichtet worden war, um die strategisch wichtige Brücke nach Süden hin zu schützen. Der Schwedenkönig wollte auch nur diese Brücke zerstören, um den Verteidigern der Festung jede Operationsfreiheit über den Fluss hinweg zu nehmen. Alle Angriffe der Schweden und ihrer Verbündeten gegen das relativ kleine Werk scheiterten, nicht zuletzt weil es von der bayerischen Artillerie am Nordufer kräftig unterstützt wurde. Zu weiteren Angriffen ist es in diesem für Bayern katastrophalen Krieg nicht mehr gekommen, die bayerische Landesfestung blieb der Fels in der Brandung.
Wohl wegen dieser Erfahrung wurde Ingolstadt schon bald nach dem Friedensschluss erheblich verstärkt. Ab 1654 sind erhebliche Summen aufgewendet worden, die Leitung war dem erfahrenen Oberingenieur Christoph Heidemann (1645 erstmals als Ingenieur der kurbayerischen Armee erwähnt - 1684) übertragen worden, wobei die wichtigsten Arbeiten 1662 zum Abschluss kamen. Nunmehr standen elf Bastionen dem Angreifer gegenüber. Die katastrophale Finanzsituation Bayerns im 18. Jahrhundert ging auch an den Festungswerken nicht spurlos vorüber, der Zustand
der Werke ließ zu wünschen übrig. Die Jahrtausendkatastrophe traf dann die Stadt völlig unvorbereitet. Im Jahre 1800 leiteten französische Truppen die Schleifung der Festung ein und gleichzeitig wurde die Universität nach Landshut verlegt, um später nach München zu übersiedeln. Mit einem Schlag verlor Ingolstadt seine beiden ökonomischen Standbeine. Im Jahre 1803 zählte man nur noch 4 800 Einwohner.
Bereits in den Kriegen gegen Österreich 1805 und 1809 machte sich das Fehlen einer starken bayerischen Festung an der oberen Donau deutlich bemerkbar. Die fortwährenden Kriege der Napoleonischen Zeit waren aber für Bayern mit immensen Kosten verbunden und ließen einen Neubau nicht zu. Bestehende Pläne, Regensburg oder Passau zur Landesfestung auszubauen,
wurden fallengelassen. Hinzu kam, dass Bayern stark gewachsen war und Ingolstadt jetzt nicht mehr an der Nordwestgrenze, sondern fast in der geographischen Mitte des Landes lag. Ausgehend von der Annahme, dass Kriege zwischen Österreich und Frankreich weiterhin an der Tagesordnung wären und Bayern hier nicht neutral bleiben könne, war an eine Lagerfestung gedacht: Gestützt auf die Festung sollte die Königlich Bayerische Armee hier standhalten können, bis der jeweilige Verbündete – also Frankreich oder Österreich – zu Hilfe kam. Es war im frühen 19. Jahrhundert noch nicht absehbar, dass sich durch die entstehenden preußisch-österreichischen bzw. preußisch französischen Gegensätze die politischen und geographischen Schwerlinien in Europa verändern
sollten.
Als König Ludwig I. am 24. August 1828 im Bereich des Torturmes von Reduit Tilly den Grundstein für die Befestigung des rechten Ufers legte, waren jahrelange Diskussionen zum Abschluss gekommen. Entschieden hatte man sich für die vom damaligen Oberstleutnant Michael (von) Streiter (1773-1838) konzipierte runde Befestigung, die den romantischen wie kunstbesessenen
König wohl nicht zuletzt deshalb faszinierte, weil sie auf Gedanken von Albrecht Dürer zurückging. An Warnungen hatte es nicht gefehlt und schon bald formierte sich eine militärische Opposition, welche von Carl Wilhelm (Freiherrn) von Heideck, genannt Heidegger (1787-1861) angeführt wurde, der insbesondere darauf hinwies, dass die hoch aufragenden runden Bauten der Artilleriewirkung
nicht standhalten würden. Nachdem der König umgestimmt war, wurde die Bauleitung dem Oberst Peter von Becker (1778-1848) übertragen. Er hatte ein polygonales System entwickelt, welches eine völlige Abkehr von den Bastionen des französischen Festungsbaumeisters Vauban bedeutete. Ähnlich verfuhr man auch in anderen Ländern des Deutschen Bundes,
sodass man durchaus von einer „Neudeutschen Befestigung“ sprechen konnte.
Ab 1834 wurde nun mit dem Bau der Festungswerke am nördlichen Ufer begonnen. Von besonderer Bedeutung waren die sogenannten regelmäßigen Fronten, die ein fünfseitiges Polygon bildeten. Dabei waren die Werke weitestgehend abgesenkt, so dass sie kaum ein Ziel boten. Im Bereich dieser fünf Fronten, deren Gestaltung auf der Höhe der Zeit war, wurde der Hauptangriff
eines Gegners erwartet. Ganz anders sahen dagegen die sogenannten unregelmäßigen Fronten im Südwesten aus. In deren Vorfeld lagen Altwasser der Donau und der Boden war sehr sumpfig, sodass man hier einen gegnerischen Angriff für unmöglich hielt und mit schwächeren Werken auszukommen glaubte. Nicht bedacht hatte man, dass etwa ab 1820 die bayerische Zivilverwaltung die Begradigung der Donau vorantrieb. Um 1840 war dann festzustellen, dass das Vorfeld der unregelmäßigen Fronten bereits stark entwässert war und sich nunmehr für einen feindlichen Angriff durchaus eignete. Man nahm in aller Eile Verstärkungen vor, doch blieb dieser Abschnitt der Schwachpunkt der Festung.
Ludwig I. hatte bereits am 20. März 1848 auf den Thron verzichtet, als am 1. Juli 1849 nach München gemeldet wurde, dass die Festung „sturmfrei“ (d. h. verteidigungsfähig) sei. Mit Ausgaben in Höhe von über 18 Millionen Gulden war sie das teuerste Bauprojekt in der Regierungszeit des Königs, teurer sogar als der Ludwigskanal, der erstmals eine geregelte Schifffahrt zwischen Donau und Main ermöglichte. Kennzeichnend für Bayern war in den folgenden Jahren, dass die Mehrheit im Landtag keine größeren Mittel für die Festung Ingolstadt ausgeben wollte. Dies geschah nur in Zeiten drohender Kriegsgefahr, etwa 1859 oder 1866, wobei dem Landtag die Einsicht fehlte, dass Veränderungen an Festungswerken nicht kurzfristig zu bewerkstelligen waren. Bis zum Ende der Monarchie ist es zu keinen umfassenden Verstärkungen an der Hauptumwallung gekommen. Dazu trug im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Erkenntnis bei, dass die mittlerweile veralteten Werke der Zerstörungskraft der Brisanzgranaten und der gestiegenen Effektivität des Steilfeuers der Artillerie nicht mehr viel entgegenzusetzen hatten. Eine ganze Reihe von Festungswerken
wurden zu Kasernen oder für Lagerzwecke umgebaut.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte dann die Entfestigung ein: 1904 gelangte die Stadt durch ein Tauschgeschäft in den Besitz des Inneren Walles der unregelmäßigen Fronten, wo unter anderem der alte Volksfestplatz entstehen sollte. Zur nahezu völligen Zerstörung der Hauptumwallung kam es aber erst nach dem 2. Weltkrieg, sei es durch amerikanische Truppen, welche Sprengungen vornahmen, sei es durch die Ingolstädter Bevölkerung, die hier einen billigen Steinbruch vorfand, um Baumaterial für den Wiederaufbau der teilweise stark zerstörten Stadt zu gewinnen.
Die jahrhundertelange Festungstradition hat noch eine besondere Spur hinterlassen: Die traditionsbewussten Bewohner von Ingolstadt nennen ihre Heimatstadt „die Schanz“ und bezeichnen sich selbst nicht ohne Stolz als „Schanzerin“ oder „Schanzer“.